Abfalltrennung in Österreich - Status Quo und innovative Lösungsansätze
- Anna Nägele
- vor 4 Tagen
- 5 Min. Lesezeit

Obwohl das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung wächst, zeigen aktuelle Studien (siehe Abb. 1 und Abb. 2), dass Einstellung und tatsächliches Verhalten bei der Mülltrennung oft noch weit auseinanderliegen. Gerade bei der praktischen Umsetzung fehlt es vielerorts an Einheitlichkeit, klarer Information und Motivation. Dieser Blogbeitrag beleuchtet zentrale Herausforderungen sowie vielversprechende Lösungsansätze, die zeigen, wie technologiegestützte Innovationen und gezielte Aufklärungsarbeit das Trennverhalten nachhaltig verbessern können.
Status Quo Abfalltrennung in Österreich

Laut einer repräsentativen Studie des Verbands Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VOEB) sehen 84 % der Bevölkerung die sorgfältige Abfalltrennung als wichtigsten persönlichen Beitrag zum Umweltschutz. Dahinter folgen Bestrebungen, Lebensmittelverschwendung zu reduzieren (77 %) und Problemstoffe korrekt zu entsorgen (67 %). Dennoch zeigt sich, dass der hohe Stellenwert des Themas nicht immer in konsequentes Verhalten übergeht. Ursachen liegen unter anderem in der komplexen, teilweise uneinheitlichen Sammelstruktur. Derzeit existieren bis zu 13 unterschiedliche Systeme für Plastik, Leichtverpackungen und Dosen. Außerdem mangelt es an zeitgemäßer Aufklärung, insbesondere für jüngere Zielgruppen. Expert:innen fordern daher verstärkte Informationsarbeit über digitale Kanäle und soziale Medien (VOEB, 2021).

Das Alter spielt hier nämlich eine zentrale Rolle. Ältere Menschen trennen ihren Müll wesentlich gewissenhafter als jüngere. Unter den unter 30-Jährigen besteht ein deutlicher Aufholbedarf (VOEB, 2021). Diese Entwicklung ist besonders kritisch, da von ihrem Verhalten die künftige Umsetzung einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft abhängt. Zukunftsweisend ist in diesem Kontext das sogenannte adaptive-pragmatische Milieu (ARA, 2023b), das sich als modernes, geerdetes Zentrum der Gesellschaft beschreibt. Es zeichnet sich durch ein starkes Streben nach Sicherheit, Harmonie, Verankerung und Zugehörigkeit aus und orientiert sich am eigenen Nutzen. Für diese Zielgruppe muss Mülltrennung als eine klare Selbstverständlichkeit vermittelt werden. Sie bietet das größte Potenzial, um die Trennquote langfristig zu steigern. Ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ist seit 2018 bereits leicht gestiegen (ARA, 2023a). Wird diese Gruppe gezielt angesprochen und praxisnah informiert, kann sie entscheidend zur Etablierung einer nachhaltigen Abfallkultur in Österreich beitragen.
Die größte Herausforderung liegt beim Restmüll:

Der Anteil des tatsächlich in die Restmülltonne gehörenden Abfalls liegt lediglich bei 32,6 % (VOEB, o.J.). Hinzu kommt ein beträchtlicher Anteil an Wertstoffen wie Altpapier, Glas, Kunststoffen, Textilien, Holz und Elektroaltgeräten, die mit 27,6 % im Restmüll landen. Problemabfälle treten dagegen mit 0,5 % lediglich gering auf (BMLUK, 2019).
Deutlich wird außerdem, dass die Wohnsituation maßgeblich die Restmüllmenge beeinflusst: In städtischen Gebieten mit vielen Mehrfamilienhäusern und gemeinsam genutzten Mülltonnen fällt mehr Restmüll an und der Anteil ungetrennter Wertstoffe ist dort höher als in ländlichen Regionen.
Regional bestehen deutliche Unterschiede im Umweltverhalten: Die Burgenländer:innen, Kärntner:innen und Tiroler:innen gelten als besonders gewissenhaft bei der Mülltrennung, während in Wien nur rund drei Viertel der Bevölkerung darauf achtet.

Innovative Lösungsansätze
Österreicher:innen wollen also umweltbewusst handeln, scheitern jedoch oft an Bequemlichkeit, Unkenntnis oder unübersichtlichen Systemen. Damit bleibt die Diskrepanz zwischen Bewusstsein und tatsächlichem Verhalten die größte Herausforderung. Da die Mülltrennung jedoch ein zentraler Bestandteil der österreichischen Kreislaufwirtschaftsstrategie ist, kann das System nicht nur von den Verbraucher:innen abhängen. Es besteht ein wachsender Bedarf an neuen, innovativen Lösungen. Dafür haben wir uns spannende Lösungsansätze in Österreich angesehen:
Projekt ANDI des Unternehmens Saubermacher

Ein Beispiel dafür ist das Projekt ANDI des Unternehmens Saubermacher (Saubermacher, o.J.a). Dabei kommen Mülltonnen mit integrierten Hightech-Sensoren zum Einsatz, die Füllstände, Temperaturen oder Bewegungen erfassen. Die erfassten Daten werden den Nutzer:innen über eine App bereitgestellt, wodurch bedarfsgerechte Entleerungsintervalle, automatische Benachrichtigungen sowie detaillierte Reports ermöglicht werden. Ziel ist es, Kosten zu senken, Transparenz zu erhöhen, den Komfort zu steigern und durch optimierte Routenplanung klimafreundlichere Fahrzeuge einzusetzen.
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Projekt ReUseTex

Ebenfalls von Saubermacher stammt das Projekt ReUseTex (Saubermacher, o.J.b), bei dem mithilfe von Künstlicher Intelligenz Altkleidung analysiert wird, um wiederverwendbare Textilien von Recyclingware zu trennen. Dadurch soll eine effizientere und qualitativ hochwertigere Wiederverwendung ermöglicht werden. Ein erfolgreiches Pilotprojekt wurde bereits 2018 in Villach umgesetzt. Ergänzend dazu wurde im Rahmen des Projekts „Scan-Tech - Mürztal trennt schlau“ ein Wertstoffscanner eingesetzt, der Restmüll analysiert und direktes Feedback zur Trennqualität liefert. In sechs steirischen Gemeinden zeigte sich nach zwölf Monaten eine deutliche Verbesserung der Müllqualität (Saubermacher, o.J.b).
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DeepScan und SmartScan

Weitere technologische Lösungen kommen vom Unternehmen Stummer mit den Systemen DeepScan und SmartScan (Stummer, o.J.). DeepScan nutzt elektromagnetische Detektion zur Erkennung metallischer Kontaminationen im gesamten Behälter, während SmartScan mithilfe optisch-digitaler Sensorik und KI die Abfallzusammensetzung analysiert. Beide Systeme sind direkt in Sammelfahrzeuge integrierbar und liefern ihre Daten in eine zentrale Scansuite, wo sie für Reports und Feedback zur Verbesserung der Trennqualität aufbereitet werden.
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PreZero

Auch PreZero setzt auf KI-basierte Innovationen (PreZero, o.J.), etwa in einer Müllanlage in Sollenau, wo Künstliche Intelligenz in Kombination mit Röntgentechnik Batterien im Abfallstrom erkennt und automatisch aussortiert. Dadurch wird sowohl die Brandgefahr reduziert als auch die Effizienz des Recyclings gesteigert. Ein weiterer Ansatz ist das Forschungsprojekt recAIcle (FFG/recAIcle, o.J.), das KI- und Machine-Learning-Methoden einsetzt, um Sortierarbeiter:innen bei der manuellen Trennung von nicht gefährlichen Abfällen, insbesondere Kunststoffen und Batterien, zu unterstützen. Mittels Projektoren werden relevante Bereiche auf dem Sortierband hervorgehoben, um die Sortiereffizienz zu erhöhen, neues Personal anzulernen und die physische sowie mentale Belastung der Mitarbeitenden zu reduzieren.
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Digi-Cycle-App

Auf der Ebene der Endnutzer:innen ergänzt die Digi-Cycle-App diese technischen Systeme (Digi-Cycle, o.J.). Durch das Scannen von Produkten erhalten Nutzer:innen konkrete Informationen zur korrekten Entsorgung sowie Hinweise auf nahegelegene Sammelstellen. Zusätzlich können bei ausgewählten Produkten durch den Nachweis der richtigen Entsorgung Prämienpunkte gesammelt werden. Laut Nutzerbefragungen ging der Anteil falsch im Restmüll entsorgter PET-Flaschen im Jahr 2021 um über 20 Masse-Prozent zurück (Digi-Cycle, 2021).
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Begleitend dazu liefert die Abfallwirtschaftsforschung wichtige Grundlagen für die Weiterentwicklung solcher Systeme. Studien im Bereich der Leichtverpackungssortierung zeigen, dass die Kombination interner Sensordaten aus Sortieranlagen mit externen Sensoren wie Nahinfrarot-Spektroskopie (NIR) und LiDAR die Materialklassifikation deutlich verbessert (Schloegl, o.J.). Durch den Einsatz von Vorhersagemodellen auf Basis maschinellen Lernens können Sortierprozesse in Echtzeit angepasst, Fehlwürfe reduziert und die Reinheit der getrennten Fraktionen erhöht werden. Insgesamt verdeutlichen diese Beispiele, dass innovative Technologien eine Schlüsselrolle bei der Erreichung der österreichischen und europäischen Kreislaufwirtschaftsziele spielen.
Was denkt ihr, wie kann der Intention-Behaviour-Gap bei der Abfalltrennung in Österreich geschlossen werden und welche Technologien könnten dabei zusätzlich eine Rolle spielen?
Geschrieben von Alina Marx
Quellen
ARA, 2023a: ARA-Recycling-Studie-2023-Ergebnispräsentation
ARA, 2023b: Factsheet_ARA_Recycling_Studie
BMLUK, 2019: Restmüll-Zusammensetzung-2018-19.pdf
Digi-Cycle, o.J.: Home - Digi-Cycle
FFG/recAIcle., o.J.: recAIcle - Projektseite
ORF, o.J.: Müllanlage soll Brandgefahr mit KI senken
Saubermacher, o.J.a: Saubermacher | nachhaltige Ressourcenwirtschaft
Saubermacher, o.J.b: Mürztal trennt schlau: KI rettet Recyclingrohstoffe aus Restmüll
Schloegl, o.J.: Developing a prediction model in a lightweight packaging waste sorting plant...
Stummer., o.J.: Scantec – Stummer
VOEB., o.J.: 74 Prozent der Österreicherinnen trennen ihren Bioabfall
VOEB., 2021: VOEB Studie: Unter 30-Jährige haben Aufholbedarf bei Mülltrennung



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